Haben wir vergessen, dass der weibliche Körper nicht im 24-Stunden-Rhythmus funktioniert?
In unserer modernen Leistungsgesellschaft ist alles auf den 24-Stunden-Takt optimiert: Aufstehen, Leisten, Regenerieren, Wiederholen. Doch wer dieses Schema blind auf den Sport und die allgemeine Gesundheit von Frauen überträgt, ignoriert eine grundlegende biologische Realität.
Während die männliche Biologie tatsächlich weitgehend stabil in diesem 24-Stunden-Rhythmus verläuft, folgt der weibliche Körper einer komplexeren „inneren Uhr“ – dem etwa 28-tägigen Menstruationszyklus. Neueste Erkenntnisse zeigen: Wer diesen Rhythmus versteht, findet einen völlig neuen Zugang zu Gesundheit und Leistungsfähigkeit.
Frauen sind keine kleinen Männer.
Lange Zeit wurden sportwissenschaftliche Studien fast ausschließlich an Männern durchgeführt. Die Ergebnisse wurden dann einfach auf Frauen heruntergerechnet. Heute wissen wir, dass das ein Fehler war. Der weibliche Hormonhaushalt ist kein Störfaktor, den man ignorieren sollte, sondern ein präzises Steuerungsinstrument für Training, Ernährung und Wohlbefinden.
Die biologischen Wellen verstehen
Der Zyklus lässt sich grob in Phasen unterteilen, die jeweils völlig unterschiedliche Voraussetzungen für den Körper schaffen:
- Die Kraft-Phase (Follikelphase): Nach der Periode steigt der Östrogenspiegel. In dieser Zeit ist der Körper auf „Aufbau“ programmiert. Das Schmerzempfinden ist oft geringer, die Regenerationsfähigkeit höher und der Muskelaufbau (Anabolismus) effektiver. Es ist die Zeit, in der intensive Reize am besten verarbeitet werden.
- Das biologische Warnsignal (Ovulation): Rund um den Eisprung erreicht das Östrogen sein Maximum. Interessanterweise zeigen Daten hier ein erhöhtes Risiko für Bandverletzungen (z. B. am Knie), da die Hormone die Gewebestruktur kurzzeitig elastischer machen können. Ein wertvolles Wissen für jede Frau, die Sport treibt.
- Die Ausdauer- & Schutzphase (Lutealphase): Nach dem Eisprung übernimmt Progesteron das Ruder. Die Körperkerntemperatur steigt um circa 0,5 °C bis 1 °C, die Herzfrequenz ist tendenziell höher. Der Körper signalisiert nun: „Fahr einen Gang zurück.“ Wer hier stur auf Maximalkraft setzt, arbeitet oft gegen seine eigene Biologie.
Das 5. Vitalzeichen: Warum Ausbleiben kein Erfolg ist
Ein kritischer Punkt in der modernen Sportwelt ist das Ausbleiben der Periode (Amenorrhö) bei hoher Belastung. Früher oft als Zeichen für „hartes Training“ missverstanden, wissen wir heute: Es ist ein Alarmsignal.
Die Wissenschaft spricht vom RED-S Syndrom (relatives Energiedefizit). Wenn der Körper die Menstruation einstellt, spart er Energie an einem lebenswichtigen System, was langfristig die Knochengesundheit und das Immunsystem massiv schädigen kann. Ein regelmäßiger Zyklus ist somit weit mehr als ein Fortpflanzungsthema – er ist ein Gradmesser für die allgemeine Gesundheit.
Fazit: Biologie als Kompass nutzen
Ganzheitliche Gesundheit bedeutet, die Signale des eigenen Körpers nicht als Schwäche zu interpretieren, sondern als Information. Es geht nicht darum, in bestimmten Phasen „weniger“ zu tun, sondern das Richtige zur richtigen Zeit.
Wenn wir lernen, den Zyklus als das zu sehen, was er ist – ein hochkomplexes System zur Steuerung von Energie, Heilung und Kraft –, schaffen wir eine Grundlage für nachhaltige Gesundheit, die weit über das nächste Training hinausreicht.

